Tarot Kartenlegen
Tarot: Wenn die Seele mehr weiß als der Kopf
„Sie sind zu alt für den Arbeitsmarkt und zu jung für die Rente“. Max Fabian* sieht seine Felle nach der betriebsbedingten Kündigung langsam aber sicher davon schwimmen. Was soll er tun? Sich weiterhin im angestammten Berufsbereich versuchen oder lieber ganz neue Wege gehen? Seine Brötchen zu verdienen, ist das Eine. Andererseits: Sich nochmals mehrere Jahre lang in einer Firma abzuquälen, deren Chef das Mobbing erfunden zu haben scheint, das will Max sich nicht noch mal antun. Beim Surfen im Internet stößt der gelernte Ingenieur ganz „zufällig“ auf eine Tarot-Seite, die ihm anbietet, sich online kostenlos die Karten legen zu lassen.
Karten legen – alles nur Zufall?
„Schaden kann es nichts“ denkt Peter und lässt sich auf den „Humbug“ ein. Er zieht vier Karten und erhält umgehend die gewünschten Antworten. Im Kern geht es, so besagt das Kartenbild „As der Stäbe“ um „neue Möglichkeiten, Dynamik und Unternehmensgeist“. Des Weiteren wird Max (Karte 2 der Münzen) empfohlen, „mit den Möglichkeiten zu spielen, mit dem Trend zu gehen und sich flexibel zu zeigen“. Und wofür ist das Ganze gut? Wo führt es hin? Hier weist die Karte „Der Eremit“ den Weg. Sein Tenor im beruflichen Zusammenhang: „Überprüfung beruflicher Ziele, den eigenen Weg gehen“. Die Quintessenz der Tarot-Befragung zeigt die letzte Karte der Legung „Der Teufel“. Und deren Rat lautet „Befreien Sie sich aus alten Verstrickungen und Abhängigkeiten (Teufel), um auf den Weg der freien Herzensentscheidungen (Die Liebenden) zu kommen“. Peter ist verblüfft. Eine solche „Passgenauigkeit“ hatte er nun wirklich nicht erwartet. Wie dem Kölner Ingenieur, so ergeht es vielen Menschen, die zum ersten Mal das Tarot befragen.
Tarot – ein Spiegel unserer Emotionen?
Skeptiker ficht dies natürlich nicht an: Sie bemühen ungerührt den Zufall als Erklärung. Etwas weiter gehen da psychologische Interpretationsversuche. Danach sind die Tarotkarten eine Art bildliches Gleichnis der Emotionen und Erlebnisse des Fragers – und es macht immer dann „klick“ und wird als passend empfunden, wenn das abgebildete Thema mit der seelischen Befindlichkeit des Fragers korrespondiert. Einige Psychologen nutzen Tarotkarten daher im therapeutischen Kontext, um unbewusste Gefühle ihrer Klienten aufzuspüren.
Tarot – synchron, aber nicht kausal
Die Esoteriker schließlich bieten eine gänzlich andere Erklärung für die Wirkungsweise des Tarots. Sie rekurrieren auf den von Carl Gustav Jung entwickelten Begriff der „Synchronizität“. Darunter versteht man das gleichzeitige Auftreten von zwei Ereignissen, die zwar inhaltlich, aber nicht kausal miteinander verbunden sind. So ähnlich wie in der Astrologie, wo aus der Stellung der Gestirne zur Zeit der Geburt eines Menschen auf dessen Gesamtheit (seinen Charakter, sein Schicksal, seine Stärken und Schwächen) geschlossen wird. Vereinfacht gesagt: Das Eine spiegelt das Andere, ohne von ihm kausal bestimmt zu werden. Das klingt komplizierter als es ist. Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus dem Alltag: Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine fremde, menschenleere Wohnung und sollen deren Besitzer beschreiben, ohne sie zu kennen oder zu sehen. Hand auf´s Herz: Sie hätten wohl keine Schwierigkeit an zahlreichen Indizien festzumachen, ob dort eine Frau, ein Mann oder eine Familie wohnt. Ein Blick ins Bücherregal würde Ihnen zeigen, ob man Wert auf Kultur legt, ein Blick in den Kühlschrank, ob man sich gesund ernährt usw. Natürlich kämen Sie niemals auf die Idee, dass Bücherregal, Kühlschrank oder Schminktisch den Charakter der Familie bestimmen. Aber irgendwie spiegeln sie deren Charakter, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen zum Zeitpunkt der Befragung wider. Das ist es, was Synchronizität meint, was im Tarot passiert und was die Kartendeutung so interessant macht.
* Name von der Redaktion geändert